Kontrastansicht zur Hauptnavigation zum Hauptinhalt
0

Objekt des Monats

April

April: 2. Auflage des „Amphitryon“ (1818) von Heinrich von Kleist

2022 jährt sich zum 400. Mal der Geburtstag des französischen Dichters und Schauspielers Jean-Baptiste Poquelin alias Molière, der als Komödiendichter in die Weltliteratur eingegangen ist. Eins seiner komischsten Stücke, das auf die Tragikomödie Amphitruo von Plautus zurückgehende Stück „Amphitryon“, war wiederum die Vorlage für Heinrich von Kleist, der seinen „Amphitryon“ im Jahr 1803 in Dresden schrieb und 1807 im Druck veröffentlichte. Das zunächst als reine Übersetzung von Molières Stück geplante Schauspiel nahm schon bald eine eigene Richtung und Kleist gab der Handlung einen tragischen Unterton. Die Identitätskrise Amphitryons ist bei Molière in dieser Form nicht angelegt und ist der Fokus des selbst immer nach Identität und Zugehörigkeit ringenden Kleist.

Nachdem Kleist das Stück im Jahr 1803 geschrieben hatte, dauerte es weitere vier Jahre, bis er mit seinem Freund und späteren Mitherausgeber der Zeitschrift „Phöbus“, Adam Müller, einen Verleger fand, der das Buch 1807 in der Arnoldischen Buchhandlung in Dresden publizierte. Elf Jahre später erschien eine neue „wohlfeilere“ Ausgabe der Tragikomödie im selben Verlag, erneut herausgegeben von dem mittlerweile dem Metternich’schen Stab als österreichischer Generalkonsul angehörenden Adam Müller.

Unter anderem diese Ausgabe ist Bestand des Kleist-Archivs Sembdner und unser Objekt des Monats.

Kleist selbst erlebte keine Aufführung des „Amphitryon“, da das Schauspiel erst im Jahr 1899 im Neuen Theater in Berlin uraufgeführt wurde. Bis heute erfreuen sich Inszenierungen sowohl von Molières als auch von Kleists Bearbeitung des Amphitryon-Stoffes großer Beliebtheit. Zuletzt auch im Theater Heilbronn, wo die Teilnehmer der Literaturhaus-Tagung „Seit ein Gespräch wir sind – Friedrich Hölderlin und Heinrich von Kleist im Dialog“ in den Genuss einer Inszenierung kamen. Kleists „Amphitryon“ wird auch in dem in Vorbereitung befindlichen Tagungsband eine Rolle spielen, u.a. in einer Lektüre von Justus Fetscher. Von diesem wiederum stammt ein Forschungsüberblick im Sammelband „Neue Wege der Forschung“, hrsg. von Inka Kording und Anton Philipp Knittel, Darmstadt:WBG, 2. Aufl. 2009.

März: Kaltnadelradierungen von Rolf Kuhrt zu „Das Käthchen von Heilbronn“

In diesem Monat zeigen wir ein Stück Kleist-Rezeption. Der in der ehemaligen DDR geborene Künstler Rolf Kuhrt hat in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren einen Zyklus von zehn Kaltnadelradierungen und einem Farbholzschnitt zu Kleists Stück „Das Käthchen von Heilbronn“ angefertigt, die heute im Kleist-Archiv Sembdner archiviert sind.

Rolf Kuhrt wurde 1936 in Bergzow im Kreis Genthin geboren. 1950 begann er eine Lehre als Chemiewerker im Waschmittelwerk Genthin, brach sie ab und begann eine Lehre als Schrift- und Plakatmaler in der Werbeabteilung des gleichen Betriebes. Es folgte eine Ausbildung an der Fachschule für angewandte Kunst Magdeburg und von 1956-1962 ein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Zu seinen Lehrern zählte unter anderem Bernhard Heisig. Kuhrt war seit 1962 Mitglied im Verband bildender Künstler der DDR bis zu dessen Auflösung, zeitweilig war er auch Vorsitzender des Bezirksverbandes Leipzig des Verbandes Bildender Künstler der DDR. An der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig hatte er eine Dozentur inne, von 1987 bis 1993 war er dort Leiter des Fachbereichs Malerei und Grafik.

Rolf Kuhrt schreibt zu seinem Zyklus:

Die Grafiken, die zum Teil ungewöhnliche Titel haben wie „Das unartige Käthchen“ oder „Des Kaisers überraschende Entdeckung“, sind oftmals keine Illustrationen im eigentlichen Sinne, sondern eine Art von Bildcollagen aus den verschiedensten Elementen des Dramas. So sehen wir auf dem Farbholzschnitt „Unter dem Holunderbusch“ über dem schlafenden Käthchen nicht den lauschenden Grafen, sondern aufgereiht die Protagonisten des Stückes, teils zu ihr niederschauend, teils an ihr vorbei. Nur wenige kaum erkennbare vegetabilische Formen deuten vielleicht den Holunderbusch an.  

- Rolf Kuhrt

Die Bilder sind aktuell noch bis Anfang April 2022 in der VHS Heilbronn im Deutschhof in der Galerie im Untergeschoss ausgestellt. Einen Teil der Bilder finden Sie aber auch hier auf unserer Homepage.

Autograph Heinrich von Kleists – Brief an den Verleger Eduard Hitzig am 2. Oktober 1810.

Das erste Objekt des Monats ist zugleich das wertvollste Stück des Kleist-Archivs Sembdner. Handschriften sind immer eine Rarität. Umso eindrucksvoller sind Autographen eines so einzigartigen Dichters wie Heinrich von Kleist (1777 – 1810). Die Stadt Heilbronn erwarb im September 1993 das schon länger bekannte, allerdings als verschollen geltende Briefzeugnis Kleists an seinen Berliner Verleger Julius Eduard Hitzig (1780 – 1849).

Der Brieftext lautet wie folgt:

Ich habe schon längst gebeten, dem Kriegsrath Peguilhen ein Exemplar des Abendblatts zu besorgen; sein Sie doch so gefällig, und richten diese Sache ein.
d. 2. Oct. 1810.
                                                                                                                      Hv.Kleist

Eher unfreundlich weist Kleist den Verleger seiner am Tag zuvor erschienenen Berliner Abendblätter – der ersten Tageszeitung Berlins – auf die versäumte Zusendung eines Exemplars an Christoph Ernst Friedrich Peguilhen (1769 – 1845) hin. Kleist hatte den Kriegsrat zwei Jahre zuvor im Haus der Henriette Vogel kennengelernt. Peguilhen war später auch der Testamentsvollstrecker sowohl von Kleist als auch von Vogel. Eduard Hitzig wiederum war in den damaligen literarischen Kreisen Berlins eine wichtige Figur und verlegte etwa E.TA. Hoffmann, Friedrich de la Motte-Fouqué oder Zacharias Werner. Auch sind von ihm Biographien bedeutender Berliner Literaten publiziert worden. Kleist, Hitzig und Peguilhen wohnten recht nah beisammen um den Berliner Gendarmenmarkt.

Das Projekt der Berliner Abendblätter, erschienen vom 1. Oktober 1810 bis zum 30. März 1811, scheiterte nach einem halben Jahr aus verschiedenen Gründen. Neben Anekdoten und kurzen Erzählungen Kleists (u.a. Über das Marionettentheater) sind in den Berliner Abendblättern vor allem lokale Meldungen, Rezensionen, Diskussionsbeiträge und (die besonders beliebten) Polizeiberichte abgedruckt. Beiträge kamen auch von Achim von Arnim, Clemens Brentano, Wilhelm Grimm, Friedrich de la Motte Fouqué, Adam Müller und Friedrich Schleiermacher. Kleist bearbeitete in der Regel die eingesandten Texte, was teilweise zu Unmut der Beiträger führte. Die Berliner Abendblätter und dazugehörend der Brief Kleists an Hitzig sind Teil eines wichtigen Projekts im letzten Lebensabschnitt des früh verstorbenen Dichters.

Literatur:

Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe, hrsg. von Ilse-Marie Barth, Klaus Müller-Salget, Stefan Ormanns und Hinrich C. Seeba, 4 Bde, Frankfurt am Main 1987–1997.

Günter Blamberger: Heinrich von Kleist. Biographie, Frankfurt am Main 2011. (Englisch 2021 bei Brill).

Helmut Sembdner: Assessor Hitzig, Kriegsrat Peguilhen und Heinrich von Kleist. Eine Berliner Episode, Heilbronn 1994.