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Ludwig Pfau. Revolutionsliteratur im deutschen Südwesten (Tagung)

Tipp

Es gelten die aktuellen Corona-Regeln des Landes Baden-Württemberg. 

Anlässlich des 200. Geburtstags von Ludwig Pfau veranstaltet das Literaturhaus Heilbronn die erste wissenschaftliche Tagung zu Ludwig Pfau und seiner Rolle im Kontext der südwestdeutschen Revolutionsliteratur. Pfaus Wirkung unter anderem als Herausgeber des ersten rein politischen Satireblatts, des Eulenspiegels, als Vormärzdichter, Redner und Politiker wird analysiert und in kurzen Impulsvorträgen vorgestellt. Auch andere Literaten und ihr Verhältnis zu den südwestdeutschen Ausläufern der Revolution von 1848/49 werden in dieser Tagung behandelt.

Tagungsteilnehmer

  • Prof. Dr. Norbert O. Eke (Paderborn): Eulenspiegeleien. Ludwig Pfau und die politische Satire im Vormärz.
  • Privdoz. Dr. Olaf Briese (Berlin): Keine Macht für Niemand? Ludwig Pfaus „Die Kunst im Staat“ und die Rolle des Künstlers  
  • Prof. Dr. Sikander Singh (Saarbrücken): Ludwig Pfaus Beiträge zum deutsch-französischen Kulturtransfer.
  • Dr. Stefan Knödler (Tübingen): Revolution und Lebenspraxis: Hermann Kurz als Impfgegner
  • Dr. Wolfgang Alber (Reutlingen): Chronisten der Revolution: Literaten als Zeitschriftsteller, Journalisten als Tagesliteraten
  • Prof. Dr. Gunter E. Grimm  (Düsseldorf): „Die Freiheit ist des Volkes Kind“. Ludwig Pfaus Politische Lyrik
  • Peter Wanner (Heilbronn): Vormärz und Revolution 1848/49 in Heilbronn und Umgebung
  • Dr. Erhard Jöst (Heilbronn): Von der Schwäbischen Dichterschule zur politischen Lyrik. Die Beziehung Ludwig Pfaus zu Justinus und Theobald Kerner und seine Position als revolutionärer Lyriker.
  • Lucas Muth (Heilbronn): Ludwig Pfaus Gedenkrede auf Robert Blum. Zwischen Epideiktik und politischer Agitation
  • Prof. Dr. Peter Sprengel (Berlin): Heinrich Loose und Ludwig Pfau als mutmaßliche Verfasser der Wandernden Barrikade (1849)
  • Dr. Jürgen Frölich (Bonn): Revolutionär, Demokrat, Republikaner und Liberaler? Zum Standort des politischen Journalisten Ludwig Pfau

Begleitende Lesungen von Prof. Dr. Hermann Bausinger und Ulrich Maier.

 

 

Die Julirevolution in Frankreich im Jahr 1830 veranlasst die Heilbronner Bürgerschaft, einen Blumenstrauß nach Paris zu senden. Da war der spätere Politiker und Literat Ludwig Pfau gerade einmal neun Jahre alt. Lange gärt der revolutionäre Bodensatz im Pulverfass Europa, bis es 1848 nach der Februarrevolution in Frankreich im März auch in deutschen Gebieten zu Aufständen kommt.

Ludwig Pfau, der unscheinbare Gärtnerssohn und Dichter von „Blümchenpoesie“ (Gert Ueding), tritt nun als Journalist, Satiriker und Autor politischer Lyrik ins Geschehen ein. Als Politiker unterstützt er die Revolution auch im Stuttgarter Rumpfparlament. Er muss schließlich nach einem gescheiterten Versuch, die ins Stocken geratene Revolution von Wimpfen aus neu zu organisieren, ins Exil flüchten: zuerst in die Schweiz und dann nach Frankreich.

Anlässlich des 200. Geburtstags Ludwig Pfaus veranstaltet das Literaturhaus Heilbronn die erste wissenschaftliche Tagung zu Ludwig Pfau und seiner Rolle im Kontext der südwestdeutschen Revolutionsliteratur. Pfaus Wirkung unter anderem als Herausgeber des ersten rein politischen Satireblatts, des Eulenspiegels, als Vormärzdichter, Redner und Politiker wird analysiert und in kurzen Impulsvorträgen vorgestellt. Auch andere Literaten und ihr Verhältnis zu den südwestdeutschen Ausläufern der Revolution von 1848/49 werden in dieser Tagung behandelt.

Programm

 

Moderation: Dr. Anton Philipp Knittel (Heilbronn)

Donnerstag:

15 Uhr
Begrüßung und Einführung

15.45 Uhr
Peter Wanner (Heilbronn): Vormärz und Revolution 1848/49 in Heilbronn und Umgebung

16.30 Uhr
Dr. Stefan Knödler (Tübingen): Revolution und Lebenspraxis: Hermann Kurz als Impfgegner

 

18.00 Uhr
Ulrich Maier: Ludwig Pfau. Der vorbestrafte Ehrenbürger (Lesung)

Mehr Informationen zur Lesung hier

 

Freitag

9.30 Uhr
Dr. Erhard Jöst (Heilbronn): Von der Schwäbischen Dichterschule zur politischen Lyrik. Die Beziehung Ludwig Pfaus zu Justinus und Theobald Kerner und seine Position als revolutionärer Lyriker.

10.15 Uhr
Prof. Dr. Sikander Singh (Saarbrücken): Ludwig Pfaus Beiträge zum deutsch-französischen Kulturtransfer.

 

11.30 Uhr
Prof. Dr. Peter Sprengel (Berlin): Heinrich Loose und Ludwig Pfau als mutmaßliche Verfasser der Wandernden Barrikade (1849)

12.15 Uhr
Prof. Dr. Gunter E. Grimm  (Düsseldorf): „Die Freiheit ist des Volkes Kind“. Ludwig Pfaus Politische Lyrik

 

15 Uhr
Prof. Dr. Norbert O. Eke (Paderborn): Eulenspiegeleien. Ludwig Pfau und die politische Satire im Vormärz.

15.45 Uhr
Dr. Wolfgang Alber (Reutlingen): Chronisten der Revolution: Literaten als Zeitschriftsteller, Journalisten als Tagesliteraten

 

18.00 Uhr
Prof. Dr. Herrmann Bausinger (Tübingen): Schwäbische Literaturgeschichte (Lesung)

Mehr Informationen zur Lesung hier

 

Samstag

9.30 Uhr
Lucas Muth (Heilbronn): Ludwig Pfaus Gedenkrede auf Robert Blum. Zwischen Epideiktik und politischer Agitation

10:15 Uhr
Privdoz. Dr. Olaf Briese (Berlin): Keine Macht für Niemand? Ludwig Pfaus „Die Kunst im Staat“ und die Rolle des Künstlers  

11.00 Uhr
Dr. Jürgen Frölich (Bonn): Revolutionär, Demokrat, Republikaner und Liberaler? Zum Standort des politischen Journalisten Ludwig Pfau

Lesungen von Ulrich Maier und Hermann Bausinger

Zu den Vorträgen und Referenten

 

Peter Wanner (Heilbronn): Vormärz und Revolution 1848/49 in Heilbronn und Umgebung

Für Lokalhistoriker bieten die Ereignisse im Vorfeld des Jahres 1848 sowie die Revolution selbst und ihre Niederschlagung ein reiches Themenfeld. Gerade in der Stadt Heilbronn überschlugen sich zeitweise die Ereignisse. Ausgewählte Beispiele aus Heilbronn und der Region verdeutlichen die Grundzüge der Ereignisse zwischen Heilbronner Turnfest 1846 und dem Auszug der Heilbronner Bürgerwehr nach Baden im Juni 1849.

Peter Wanner absolvierte nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Heidelberg ein Referendariat für das Lehramt an Gymnasien. Ab 1985 übte er eine freiberufliche Tätigkeit als Lektor und Historiker für Verlage und Gemeinden aus. Von 1999 bis 2019 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stadtarchiv Heilbronn, seitdem arbeitet er als freier Historiker.

 

Dr. Stefan Knödler (Tübingen): Revolution und Lebenspraxis: Hermann Kurz als Impfgegner

Hermann Kurz (1813-1873) war als Publizist einer der maßgeblichen Akteure während und nach Revolution von 1848 in Württemberg. Von 1848 bis 1854 war er Redakteur und Herausgeber des in Stuttgart erscheinenden „Beobachters“, dem wichtigsten Organ der demokratischen Opposition im Land. Nach dieser Zeit veröffentlichte er weiterhin in dem Blatt, darunter eine Reihe von bisher unbeachtet gebliebenen Artikeln, die sich kritisch mit der Pockenimpfung auseinandersetzen. Ein Thema, das ihn auch privat beschäftigte. Der zunehmend verarmt und zurückgezogen in Kirchheim/Teck lebende Schriftsteller weigerte sich im Jahr 1863, sich und seine Kinder impfen zu lassen und wurde deswegen von den örtlichen Behörden zu mehreren Strafzahlungen verurteilt. Der Vortrag spürt diesem Zusammenhang von Revolution, Journalismus, Biographie und Impfgegnerschaft nach.

Stefan Knödler studierte Germanistik und der Anglistik an der Universität Stuttgart. Promoviert wurde er 2009 mit einer Arbeit über Rudolf Borchardts Anthologien. Seit 2008 lehrt er an der Universität Tübingen. Er veröffentlichte zahlreiche Arbeiten und Editionen zur Romantik und zur Literatur aus Württemberg.

 

Dr. Erhard Jöst (Heilbronn): Von der Schwäbischen Dichterschule zur politischen Lyrik. Die Beziehung Ludwig Pfaus zu Justinus und Theobald Kerner und seine Position als revolutionärer Lyriker.

Pfaus erster Gedichtband von 1842 enthält Texte, die sich ganz im konventionellen Rahmen bewegen und unschwer den Einfluss der Schwäbischen Dichterschule erkennen lassen. Es ist freilich nicht verwunderlich, dass sich Pfaus Gedichte im volksliedhaften Stil an Justinus Kerner orientieren, denn er besuchte ihn schon als junger Mann in dessen Weinsberger Wohnhaus häufig, um ihm Blumen und Gemüse aus dem väterlichen Betrieb zu überbringen. Mit der politischen Entwicklung im Vormärz wendet er sich aber zunehmend von der schwäbischen Romantik und von Justinus Kerner ab. „Mit der Freiheit schwanger geht die neue Zeit“, konstatiert Pfau, und stellt fortan die freie Willensbildung ins Zentrum seiner satirisch-revolutionären Gedichte, die ihn als einen herausragenden politischen Lyriker des 19. Jahrhunderts zeigen. Er avanciert dadurch zu einem der bedeutendsten politischen Lyriker des 19. Jahrhunderts.

Erhard Jöst studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Heidelberg. Nach dem ersten Staatsexamen wurde er mit einer Dissertation zum Thema „Bauernfeindlichkeit. Die Historien des Ritters Neithart Fuchs“ promoviert. Er unterrichtete Deutsch, Geschichte, Politik und Ethik an verschiedenen Gymnasien u.a. in Schwetzingen, Mannheim und Heilbronn. Mehrere Jahre war er auch als Bezirkspersonalrat der Lehrer an Gymnasien beim Regierungspräsidium in Stuttgart tätig. 1988 gründete Jöst das Heilbronner Kabarett GAUwahnen und engagiert sich seither für dieses Ensemble als Leiter, Texter und Darsteller.

 

Prof. Dr. Sikander Singh (Saarbrücken): Ludwig Pfaus Beiträge zum deutsch-französischen Kulturtransfer.

Im Zusammenhang und in der Folge der beiden Lebensabschnitte, die Ludwig Pfau in Paris verbrachte, hat sich der deutsche Schriftsteller und Publizist auch mit der französischen Literatur seiner Zeit auseinandergesetzt. Seine Übertragungen aus dem Französischen aber auch seine Essays über französische Schriftsteller begründen bis in die Gegenwart seine Stellung und seinen Rang in der wechselvollen Geschichte der deutsch-französischen Literaturbeziehungen. Weil das Progressive seines Engagements für demokratische und republikanische Ziele mit einem ästhetischen Traditionalismus kontrastiert, untersucht der Vortrag einerseits die kunsttheoretischen Positionen Ludwig Pfaus und beschreibt ihre Eigenart im Spannungsfeld von klassisch-romantischer Tradition und früher Moderne. Andererseits sollen seine Abhandlungen über die französische Literatur, die zwischen 1866 und 1888 veröffentlicht wurden, in ihrer Funktion als Kommentare zu der konfrontativen deutsch-französischen Geschichte dieser Jahre bestimmt werden.

Sikander Singh studierte Germanistik, Anglistik, Amerikanistik und Kanadistik in Montreal, Zürich und Düsseldorf. 2002 wurde er mit einer Studie über Heinrich Heine promoviert, 2009 habilitierte er sich mit einer Arbeit über Christian Fürchtegott Gellert und die europäische Aufklärung. Nach Tätigkeiten als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Düsseldorf und Darmstadt ist er seit 2011 Leiter des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass und Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität des Saarlandes. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Aufklärungs- und Vormärzforschung, der Literatur des 18. bis 20. Jahrhunderts, der Komparatistik sowie der Rezeptions- und Wirkungsästhetik.

 

Prof. Dr. Peter Sprengel (Berlin): Heinrich Loose und Ludwig Pfau als mutmaßliche Verfasser der Wandernden Barrikade (1849)

Die anonym in der Schweiz erschienene Versdichtung Die wandernde Barrikade ist eine grimmige Abrechnung mit den Gründen für das Scheitern der südwestdeutschen Revolution 1849 unter besonderer Betonung des militärischen Aspekts. Angeblich wurde sie von einem „Schock ungehenkter Hochverräter“ verfasst. Als einer davon wird der Frühsozialist Heinrich Loose vorgestellt, ein freikirchlicher Prediger, Redner und Freischarführer, der im Text mehrfach als Protagonist des pfälzischen Aufstands hervortritt. Auf Loose dürfte vor allem das politische Konzept der Satire zurückgehen. Für die moritatenhafte Form, die Beschreibung der gescheiterten württembergischen Revolution und die Schilderung der Heilbronner „Schwabenstreiche“ dürfte dagegen ein ortskundiger Koautor zuständig sein – mit großer Wahrscheinlichkeit kein anderer als Ludwig Pfau.

 

Peter Sprengel lehrte nach Professuren in Erlangen und Kiel bis 2016 Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin. Er trat als Biograph Gerhart Hauptmanns (2012) und Rudolf Borchardts (2015) hervor und verfasste mehrere Bände der bei C. H. Beck erscheinenden Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart (zuletzt: Vormärz – Nachmärz, 2020). Demnächst erscheint bei Wallstein sein Buch über die „Briefliebe“ zwischen Karl August Varnhagen von Ense und Charlotte Williams Wynn (2022).

 

Prof. Dr. Gunter E. Grimm (Düsseldorf): „Die Freiheit ist des Volkes Kind“. Ludwig Pfaus Politische Lyrik

Als Lyriker ist Ludwig Pfau weitgehend vergessen, erst in neuerer Zeit rücken seine politischen Gedichte wieder ins Blickfeld. Dabei wurde er von den Zeitgenossen in einer Reihe mit August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Robert Prutz, Ferdinand Freiligrath und Georg Herwegh genannt. Pfaus lyrische Produkte stammen aus seiner Jugendzeit, die politischen aus den wenigen Jahren 1846 bis 1849. Im Zentrum der Betrachtung steht Pfaus Sammlung „Stimmen der Zeit“ von 1848. Bei politischer Dichtung sind vor allem die Inhalte von Interesse, doch genauso berechtigt ist die Frage nach ihrer ästhetisch-rhetorischen Machart. Politische Lyrik will etwas erreichen und muss von daher effektiv, bildgewaltig und schlagkräftig sein. Zu fragen ist: Was waren Pfaus Zielsetzungen, welche Gegner hat Pfau bekämpft, welcher Ästhetik ist Pfau in seinen Gedichten verpflichtet? An einigen Beispielen soll diese kämpferische Lyrik, ihre ideologische und ästhetische Tradition sowie ihr poetischer Stil betrachtet werden. Ein Blick auf die dichterischen Konsequenzen, die Pfau aus dem Scheitern der 48er Revolution gezogen hat, beschließt den Beitrag.

Gunter E. Grimm studierte Germanistik und Geschichte in Tübingen. Er promovierte 1970 und habilitierte sich 1981 mit der Untersuchung Literatur und Gelehrtentum in Deutschland. Nach Lehrstuhlvertretungen in Bielefeld und Gießen und einer Gastprofessur an der Washington University in St. Louis/Missouri war er von 1983 bis 1987 Professor an der Eberhard Karls Universität in Tübingen und von 1988 bis 1994 an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg. 1994 übernahm er den Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur an der Gerhard-Mercator-Universität in Duisburg bzw. ab 2004 an der fusionierten Universität Duisburg-Essen in Essen bis zu seiner Emeritierung (2010). Seine Schwerpunkte in der Literaturwissenschaft sind Literatur der Aufklärung, insbesondere Johann Gottfried Herder und Gotthold Ephraim Lessing, Wissenschafts- und Mentalitätsgeschichte von der Renaissance bis zur Gegenwart, Literaturtheorie, Deutsch-ausländische Literaturbeziehungen (Italien, Niederlande, Orient, u.v.m.), Schwarze Romantik, Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, Rheinische Literatur sowie Geschichte der deutschen Lyrik vom Barock bis zur Gegenwart.

 

Prof. Dr. Norbert O. Eke (Paderborn): Eulenspiegeleien. Ludwig Pfau und die politische Satire im Vormärz.

Mit der These, der zufolge die „letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt [...] ihre Komödie sei, hat Marx 1844 in seiner „Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ nicht nur den Verhältnissen in Deutschland eine aus geschichtsphilosophischer Perspektive allein noch komische Bedeutung attestiert; er hat zugleich damit indirekt auch die Komödie als zeitgemäße Gattung legitimiert. Zeigt sich Marx das Politische im Lichte seiner allein noch komischen Bedeutung, begegnet umgekehrt das Komische im letzten Drittel des Vormärz nicht ganz selbstverständlich, von Marx’ Bemerkung her aber auch nicht mehr ganz überraschend, mit einem Mal verstärkt im Lichte des Politischen. Der Vortrag wird sich zum einen allgemein mit der Frage auseinandersetzen, mit welchen Mitteln Satire, Ironie, Witz und zumal auch Karikatur einer – im Sinne der Marx’schen Formulierung – ‚Komödirung staatlicher Zustände’ (Adolf Stahr) entgegenarbeiteten. Zum anderen wird es konkret und im engeren Sinn um Ludwig Pfaus Beitrag in diesem in diesem Bereich eines zeitbezogen-politischen Agierens im Vormärz als Herausgeber des satirischen Wochenblatts „Der Eulenspiegel“ gehen.

 

Norbert Otto Eke studierte Germanistik und Theologie u.a. an der FU Berlin. Dort wurde er promoviert und habilitierte sich mit einer Untersuchung über das deutsche Drama zur Französischen Revolution um 1800. Er ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Paderborn. Vor seiner Professur war er Ordinarius für deutsche Literatur an der Universiteit van Amsterdam. Seine Forschungsschwerpunkte sind Literaturtheorie und Ästhetik an der Schnittstelle von Philologie, Theater-, Kultur- und Medienwissenschaft mit den Schwerpunkten Literatur und Theater vom 18. bis zum 21. Jahrhundert, insbesondere dem Vormärz und der Gegenwartsliteratur sowie speziell der deutsch-jüdischen Literatur. Er ist Herausgeber der Zeitschrift für deutsche Philologie und der Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik sowie Mitglied im Editorial Board von German Monitor.

 

 

Dr. Wolfgang Alber (Reutlingen): Chronisten der Revolution: Literaten als Zeitschriftsteller, Journalisten als Tagesliteraten

Hier Fakt, dort Fiktion, so die gängige Definition – aber die Grenzen zwischen Journalismus und Literatur sind fließend. Mit Heine und Börne bildet sich im 19. Jahrhundert der Typus des literarischen „Zeitschriftstellers“ heraus, der sich im Vormärz und der 1848er Revolution auch politisch engagiert. Zugleich mischen sich journalistische Textformen und literarische Erzählweisen im Korrespondenten- und Reisebericht, im Feuilleton und in der Reportage. Beispielhaft für den literarischen Journalismus stehen im Südwesten Schriftsteller wie Ludwig Pfau und Hermann Kurz. Aber ebenso haben demokratische Journalisten wie Philipp Jakob Siebenpfeiffer oder publizistisch tätige Abgeordnete wie Friedrich Theodor Vischer mit literarisch ambitionierten Artikeln und Aufrufen, Büchern und Briefen Einfluss auf die revolutionären Ereignisse genommen. An diesen und anderen Beispielen sollen Interdependenzen und Differenzen zwischen Literatur und Journalismus aufgezeigt werden. Und zugleich soll gezeigt werden, was beide Genres eint, nämlich Börnes Imperativ, „die Aussagen der Zeit zu erlauschen, ihr Mienenspiel zu deuten und beides niederzuschreiben“.

Wolfgang Alber studierte Soziologie, Empirischen Kulturwissenschaft und Rechtswissenschaft in Tübingen. Er arbeitete lange Jahre als Redakteur beim „Schwäbischen Tagblatt“ in Tübingen und schreibt heute als freier Autor vor allem über landeskundliche, kultur- und literaturgeschichtliche Themen. Er ist Herausgeber von Gustav Schwabs „Landschaftsbildern“, Mitherausgeber der literarischen Anthologien „Wundersame blaue Mauer! Die Schwäbische Alb in Geschichten und Gedichten“ (mit Brigitte und Hermann Bausinger) und „Württemberger Weingeschichten“ (mit Andreas Vogt).

 

 

Lucas Muth (Heilbronn): Ludwig Pfaus Gedenkrede auf Robert Blum. Zwischen Epideiktik und politischer Agitation

Ludwig Pfau galt nicht als großer Redner – und doch ist er es, der am 21. November 1848 in Heilbronn die Rede auf den eben in Wien hingerichteten linken Revolutionär Robert Blum hält. Es handelt sich zwar eigentlich um ein enkomion, also eine epideiktische Rede, doch Pfau nutzt das Setting, um Blum als Märtyrer der Revolution zu preisen und politische Agitation zu betreiben. Sein telos ist die erneute Entfachung der Begeisterung für die Revolution. Im Vortrag soll anhand der vorliegenden gedruckten Rede gezeigt werden, wie Pfau das Momentum der Trauer um den Revolutionär Robert Blum nutzt, um die Stimmung für die Revolution noch einmal zu schüren, ferner wie sich diese Rede in den Kontext der 48er-Rhetorik einfügt, die neben den Reden der Mainzer Republik eine der ersten Blüten demokratischer Beredsamkeit in Deutschland darstellt, und schließlich, welche Aspekte der 48er-Rhetorik noch heute unser demokratisches Verständnis prägen.

Lucas Muth studierte an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen Allgemeine Rhetorik und Germanistik. Seine Studienschwerpunkte waren Rhetorik, Poetik und Ästhetik, Propagandaforschung sowie die Literaturgeschichte vom Sturm und Drang bis zum Vormärz. In seiner Masterarbeit untersuchte er die Zusammenhänge der Briefrhetorik von Christian Fürchtegott Gellert und Christian Friedrich Daniel Schubart. Von ihm erschien 2019 beim Universitätsverlag Winter „Albert Ludwig Grimm. Kindermährchen.“

 

 

Dr. Jürgen Frölich (Bonn): Revolutionär, Demokrat, Republikaner und Liberaler? Zum Standort des politischen Journalisten Ludwig Pfau

Die politische Einordnung Ludwig Pfaus ist nicht leicht: Er unterstützte die revolutionäre Bewegung von 1848, übersetzte Werke von Proudhon, dem Vater des Anarchismus, und lehnte Bismarcks Reichsgründung vehement ab. Andererseits war er Mitbegründer und theoretischer Kopf der Württembergischen Volkspartei, die sich selbst dem heterogenen Lager des Liberalismus zurechnete und in diesem 1910 organisatorisch aufging. Anhand der politisch-historischen Publizistik Pfaus und vor dem Hintergrund der Wandlungen des deutschen Liberalismus soll sein Standort im unübersichtlichen Parteienspektrum des 19. Jahrhunderts nochmals vermessen werden.

Jürgen Frölich ist Historiker mit einem Schwerpunkt in der Liberalismusforschung. Frölich studierte Geschichte, Hispanistik und Pädagogik in Bonn und der Universität Madrid. Er promovierte mit einer Dissertation über die Berliner „Volks-Zeitung“ und dem Preußischen Linksliberalismus zwischen „Reaktion“ und „Revolution von oben“ zum Dr. phil. Frölich war seit 1987 für die Friedrich-Naumann-Stiftung tätig. Er war bis Juni 2021 Referent für historische Liberalismus-Forschung und stellvertretender Leiter des Archivs des Liberalismus in Gummersbach. Er ist Mitbegründer und seit 1989 Mitherausgeber des Jahrbuchs zur Liberalismus-Forschung (JzLF). Er war Redakteur der Zeitschrift liberal. Vierteljahreshefte für Politik und Kultur. Von 2006 bis 2017 gehörte er dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus in Stuttgart an.

 

Diese Tagung wird unter anderem mit Miteln von Literaturland BW gefördert.